Begrünte Hochhäuser gibt es in Deutschland keine Handvoll. Gießen hat durch die Sanierung des für die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) zentralen Forschungs- und Lehrgebäudes C10 ein solch markantes Hochhaus erhalten. Wissenschaftsminister Timon Gremmels hat es nach rund zweijähriger Bauphase seiner Bestimmung übergeben.
„Die Sanierung und energetische Ertüchtigung des Gebäudes C10 ist ein Schlüsselprojekt und genau das, was wir als Landesregierung mit dem Programm ,COME – Hochschulen‘ erreichen wollen: dauerhaft den Energieverbrauch senken, die CO₂-Emissionen reduzieren und die Qualität unserer Landesgebäude verbessern“, hob Gremmels den Modellcharakter der Sanierung hervor. „Mit dem Projekt leistet die THM einen wichtigen Beitrag, um die Klimaschutzziele des Landes Hessen zu erreichen und unseren Gebäudebestand fit für die Zukunft zu machen.“
Die beiden THM-Hochhäuser A10 und C10 sind stadtbildprägend. Sie bilden den Abschluss zentraler Blickachsen, etwa in der Ostanlage oder über den Schwanenteich. Ob die Kuben aus den 1970er Jahren hübsch sind, liegt im Auge des Betrachters – mit Klinkern aus den Gail’schen Tonwerken stehen sie jedoch weithin sichtbar für ein Kapitel Gießener Industriegeschichte. Für die THM sind sie zudem von zentraler Bedeutung: Einrichtungen wie Mensa, Bibliothek, Studienberatung, aber auch Hörsäle, Seminarräume und Labore zahlreicher Fachbereiche sind in den Zwillingsgebäuden untergebracht. „Energetisch und technisch sind die Hochhäuser aber noch immer beinahe im Originalzustand“, beschreibt Prof. Dirk Metzger, Vizepräsident für strategische Bauplanung und Nachhaltigkeit, die bauliche Situation bis 2024.
Mit dem Ziel einer CO2-neutralen Landesverwaltung ist dieser Zustand nicht vereinbar. Weshalb sich die THM bereits seit langem mit der Frage nach der Zukunft der Gebäude beschäftigt. Der „Masterplan Campus Wiesenstraße“ von 2012 sieht gar eine Hochschule ohne Hochhäuser vor. „Aus pragmatischen Gründen, aber vor allem aus Nachhaltigkeits-Aspekten war eine Sanierung die bessere Entscheidung“, kommentiert Metzger. Die nun abgeschlossenen Arbeiten an C10 gelten somit auch als Blaupause für eine mögliche künftige Sanierung von A10 in der Wiesenstraße und auch für einen grundsätzlichen Umgang mit dem Gebäudebestand.
Für die Runderneuerung des Gebäudes mit etwa 7.500 Quadratmetern Nutzfläche hat das Architekturbüro HHS Planer + Architekten AG aus Kassel einen Weg gefunden, die optische Wirkung des Gebäudes zu erhalten, es aber zugleich in den Bestand moderner Labor- und Werkstattgebäude auf dem Campus zu integrieren. Die bestehende Gliederung der Fassade wird dabei im Wesentlichen erhalten. Die Fenster wurden ausgetauscht, die Gebäudehülle zur Verringerung des Wärmedurchgangs gedämmt und das zuvor unbeheizte und gegen Außenluft ungedämmte Technikgeschoss im neunten Stock in die Hülle einbezogen. Die historischen ockerfarbenen Vormauerziegel wurden gereinigt und wieder aufgemauert. Treppenaufgänge und Bibliothek haben eine großzügige, nahezu bodentief verglaste Fassade erhalten. Nachdem die Treppe zur Nordseite des Gebäudes bereits im Zuge der Renaturierung der Wieseck modernisiert wurde, ziert die Südseite mit Blick zu den Neubauten C11 und C15/16 nun eine breite Freitreppe mit Plattformlift als barrierefreiem Zugang zum Campusplatz. Beide Eingänge haben Vordächer erhalten.
Der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH), als zentraler Bau- und Immobiliendienstleister des Landes, war für die Projektleitung der energetischen Sanierung verantwortlich. Hartmut Jegodzinski, Leiter der LBIH-Niederlassung Mitte, erklärte: „Die Sanierung von Gebäude C10 der Technischen Hochschule Mittelhessen zeigt, wie Ressourceneffizienz und Klimaschutz im Bestand gelingen können: Durch die fachgerechte Aufbereitung des Klinkers aus den 1970er-Jahren konnten wir Primärrohstoffe schonen und erhalten. Gleichzeitig konnten wir mit Photovoltaik auf Dach und Fassade sowie einer Dach- und Fassadenbegrünung neue, nachhaltige Akzente setzen. In Kombination mit der bereits installierten Abwasserwärmenutzungsanlage verbessert das Projekt die CO₂-Bilanz der Hochschule spürbar. Es beweist, dass Bestandserhalt und moderne Nachhaltigkeitsstandards keine Gegensätze sein müssen.“
Die Gesamtkosten der Baumaßnahme liegen bei 17,83 Millionen Euro, von denen die THM 786.00 Euro selbst trägt. Die überwiegende Summe stammt je etwa hälftig aus dem „CO2-Minderungs- und Energieeffizienzprogramm – Hochschulen (COME-HS) und dem hessischen „Hochschul-Entwicklungs- und Umbauprogramm“ (HEUREKA).
Hingucker und Fotomotiv ist die im Hochhausbereich innovative Fassadenbegrünung auf der Sichtachse des Schwanenteichs. 16 Kacheln tragen vom ersten bis zum achten Obergeschoss auf gut 350 Quadratmetern Grün unter anderem dazu bei, das Mikroklima zu verbessern, Feinstaub zu binden und Lebensraum für verschiedene Tiere zu bieten. Ein hinzugezogenes Fachplanungsbüro hat das System zur Bewässerung und Nährstoffversorgung entwickelt und eine Pflanzenauswahl getroffen, die den besonderen mikroklimatischen Bedingungen genügt. „Die Stadt Gießen ist dankbar für diesen innovativen Umgang mit einem Gebäudebestand, der so gelungen und markant in das Stadtbild hineinwirkt und einen weiteren Baustein für den Klimaschutz darstellt“, sagte Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher.
Begrünt wurde zusätzlich das neu abgedichtete Dach. Ergänzend ist es partiell mit aufgeständerter Photovoltaik bestückt. Auch Teile der Gebäudehülle erzeugen künftig elektrische Energie: Elemente der westlichen Stirnseite und die dort liegende Fluchttreppe wurden mit Photovoltaikmodulen bestückt, ebenso die Südseite des Technikgeschosses. An der Südfassade finden sich in einem optisch hervorgehobenen Bereich ins Glas integrierte Module.
Im Inneren des modernisierten Gebäudes laufen derzeit noch Nacharbeiten – eine Innensanierung jedoch war mit Ausnahme der Toiletten nicht Teil der Maßnahme. Insbesondere die Bibliothek war von den Arbeiten betroffen und musste schließen. Während der gut zweijährigen Bauarbeiten wurde auch die überwiegende Zahl der Lehrveranstaltungen an anderen Orten angeboten. Labore hingegen blieben bis auf kleinere Einschränkungen geöffnet. Bis zum Start des Wintersemesters soll sich der Betrieb im Gebäude C10 wieder weitgehend normalisieren.